Alois Andritzki

 Ladung

Ladung

… Strafsache gegen Sie

wegen Vergehen nach § 2 Abs. 2 des Heimtückegesetzes vom 20.12.1934 werden Sie hiermit zur Hauptverhandlung auf Dienstag, den 15. Juli 1941 vormittags 09.30 Uhr vor das Sondergericht bei dem Landgericht Dresden, Münchner Platz 3, Schwurgerichtssaal, geladen.

- Sie werden vorgeführt! -

Eine Abschrift der Anklageschrift folgt anbei.

Sollten Sie sich zur Zeit des Termins auf freiem Fuß befinden, so müsste, falls Sie ohne genügende Entschuldigung ausbleiben, Ihre Verhaftung oder Vorführung erfolgen.
Zugleich werden  Sie aufgefordert, zu erklären, ob und welche Anträge Sie in Bezug auf Ihre Verteidigung für die Hauptverhandlung zu stellen haben.

- Außer den in der Anklageschrift benannten sind noch folgende – Zeugen geladen worden:

der Dekorationsmaler Rudolf Klapper in Dresden A, Schäfferstraße 14,
der Dekorationsmalergehilfe Wilhelm Janetzky in Dresden A, Käufferstraße 4,
und der Mechaniker Ethelbert Kowal in Dresden, Wettiner Straße 63,

Als Verteidiger ist der Rechtsanwalt Dr. Kastner in Dresden A, Altmarkt 2 II, geladen worden.

Dresden, den 01.Juli 1941

Das Sondergericht 1 beim Landgericht Dresden

 

 Ladung fuer Dresden 1

 Ladung fuer Dresden 2

Ladung fuer Dresden 3                                                                                  

 

Dresden, den 23. Mai 1941.

 

Haftsache                               An
                                                      das S o n d e r g e r i c h t
        D r e s d e n .

A n k l a g e s c h r i f t
        gegen

A n d r i t z k i,  Alois
                       
            Kaplan
            wohnhaft in Dresden, Schloßstrasse 32,
            ledig,
            geboren am 2. 7. 1914 in Radibor,
            vorläufig festgenommen am 21. 1. 1941,
            seit dem 7. 2. 1941 in Untersuchungshaft
            im Untersuchungsgefängnis Dresden.

Ich klage A n d r i t z k i  an,

            in der Zeit von September 1940 bis Januar 1941 in Dresden
            und Pirna fortgesetzt nichtöffentlich gehässige, hetzerische und böswillige
            Äußerungen über leitende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP,
über ihre Anordnungen und die von ihnen geschaffenen Einrichtungen gemacht zu haben, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, wobei er damit rechnen musste, dass seine Äußerungen in die Öffentlichkeit dringen würden.

- Vergehen nach § 2 Abs. 2 des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutze der Parteiuniformen vom 20. Dezember 1934. -
 
Beweismittel:

            Krim.- Sekr. Pursche bei der Geh. Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Dresden
            als Zeuge.

Wesentliches Ermittlungsergebnis.
Der Beschuldigte ist ausweislich des Strafregisterauszugs  nicht vorbestraft. Er ist Kaplan an der ehemaligen katholischen Hofkirche, jetzt Propsteikirche in Dresden. Mitglied der NSDAP oder einer Gliederung ist der Beschuldigte nicht. Er gehört lediglich der NSV und dem RLB an.
Der Beschuldigte ist Präses des Kolpingvereins in Dresden und hielt im Hause Käufferstraße, manchmal auch im Pfarrhaus Schloßstrasse in Dresden Kolpingabende ab. In diesen Abenden werden außer allgemeinen Fragen und Tagesereignissen mitunter auch Kriegsangelegenheiten und politische Fragen besprochen. Im Verlaufe solcher Gespräche, die unter der Leitung des Beschuldigten als Präses des Kolpingvereins stattfinden, nahm dieser selbst  wiederholt in staatsfeindlicher Weise gegen führende Persönlichkeiten und Anordnungen  und Einrichtungen leitender Personen des Staates und der Bewegung Stellung.

Am 17.9.1940 äußerste der Beschuldigte bei einer solchen Gelegenheit u. a. mit Bezug auf die Ausstellung „Mutter und Kind“, die zu diesem Zeitpunkt in Dresden stattgefunden hatte,
(Bl. 4 d. A):

            „Die ziehn uns ja tüchtig durch den Kakao, da ist zum Beispiel das Bild von den Jesuiten und der sterbenden Frau. Das sieht gar so aus, als ob wir uns auf Geld der armen Frau stürzen wollten. Dann wird auch die uneheliche Mutter so verherrlicht. Aber das hat einen anderen Zweck. Der Staat braucht Soldaten, ob sie nun ehelich sind oder unehelich, das ist ganz gleich, und das ist ja, was die Kirche so verabscheut und so werden wir eben nie mit der Regierung übereinkommen. Es wird so weit kommen, dass dann nach dem Kriege eine geheime Christenverfolgung wird. Entweder wir stellen uns auf die Seite des Reiches oder wir gehen kaputt. Dazu sind ja auch die Werke von Rosenberg. Was der im „Mythos“ schreibt, ist ja alles großer Quatsch. Da erzählt er im 4. Jahrhundert etwas von Mönchen. Dabei hat es im 4. Jahrhundert noch gar keine Mönche gegeben. Das sind eben alles Leute, die kraft ihrer Autorität alles machen können. Was in dem Buch geschrieben ist, ist alles erlogen. Das beweist am besten das Buch, welches gegen den „Mythos“ geschrieben wurde und vor allem Dokumente enthält, mit denen man den „Mythos“ als ein Lügenbuch hinstellen könnte. Deshalb hat man auch das Buch verboten. Aber bei uns wird es genauso wie in Russland. Eine Kirche nach der anderen wird man ausrotten, aber wir werden wieder aufstehen, stärker wie vordem.“

Am 10.12.1940 wurde abermals ein Heimabend abgehalten. Auch hier nahm der Beschuldigte gelegentlich einer Unterhaltung über „die moderne Christenverfolgung“ zu Gehör der anwesenden Mitglieder der Kolpingfamilie gegen staatliche Einrichtungen Stellung. Anlass dazu war eine Mitteilung, dass zwei oberschlesische Priester angeblich in Bayern in ein Konzentrationslager untergebracht worden waren. In diesem Zusammenhang führte der Beschuldigte aus ( Bl. 1. d. A.):

„Schlimmer kann es in Russland nicht sein, aber es wird noch schlimmer kommen. In Russland werden sie gleich abgemurkst, während sie bei uns erst langsam in den Konzen-trationslagern zu Tode gemartert werden, bis sie dann alt und gebrochen sterben. Es ist was leichtes, gegen einen Feind zu kämpfen, den man kennt, aber gegen einen Feind zu kämpfen, der im Hinterhalt liegt und mit Hinterlist und Falschheit kämpft, ist nicht aufzukommen. In Österreich ist es so weit gekommen, dass man dort den Priestern verboten hat, den Kindern Religionsunterricht zu geben. Sie fürchten uns eben. Sie fürchten, wir könnten durch unsere Wahrheit ihr ganzes falsches System einstürzen.“

Am 12.1.1941 nahm der Beschuldigte an einer Fahrt der Dresdener Pfarrjugend nach Pirna teil, wo ein Gruppenspiel in der katholischen Kirche aufgeführt werden sollte. Im Verlaufe des Tages wurden u.a. alte Marienlieder sowie ein weltlicher Kanon gesungen. Bei dieser Gelegenheit erfolgte eine staatspolitische Kontrolle der versammelten Mitglieder und ihrer Tätigkeit. Dies nahm der Beschuldigte zum Anlass, gegen die staatspolitischen Maßnahmen Stellung zu nehmen und auszuführen (Bl. 6 d. A.):

„…In ein paar Jahren wollt Ihr uns doch auf die Guillotine schaffen…Der Kampf geht bis aufs Messer. Ihr müsst Euch an so etwas gewöhnen. Das sind die Vorspiele, später wird es ganz anders…“
Der Beschuldigte bestreitet, sich staatsfeindlich ausgelassen zu haben und behauptet, er habe, wenn er überhaupt die ihm zur Last gelegten Redewendungen gebraucht habe, dies aus rein religiöser Einstellung heraus getan. Es habe ihm ferngelegen, politische Einrichtungen des Staates zu kritisieren. Der gesamte Sachverhalt und die die Äußerungen des Beschuldigten begleitenden Umstände lassen erkennen, dass es sich insoweit nur um eine leere Ausrede des Beschuldigten handelt. Er wird in der Hauptverhandlung überführt werden.

            Der Beschuldigte wendet sich nicht nur gegen den Reichsleiter Rosenberg und dessen Werk, sondern er nimmt mit seinen gehässigen, hetzerischen und auch böswilligen Ausführungen bei den verschieden Anlässen auch ganz allgemein gegen Anordnungen und Einrichtungen sowie gegen allgemeine Bestrebungen und Erfolge der nationalsozialistischen Staatsführung Stellung. Seine Auslassungen sind geeignet, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben. Es kann nicht mit hinreichender Sicherheit festgestellt werden, dass seine Ausführungen öffentlich im Sinne des § 2 Abs. 1 Heimt. Ges. gefallen sind, jedoch konnte der Beschuldigte nicht damit rechnen, dass auch nur die Personen, die seinen Ausführungen zuhörten, derartige hetzerische und im kleinen Kreis zersetzend wirkende Äußerungen für sich behalten würden. Der Tatbestand eines fortgesetzten Vergehens nach § 2 Abs. Heimt. Ges. ist erfüllt.

Der Herr Reichsminister der Justiz hat Strafverfolgung aus § 2 des Gesetzes vom
20. Dezember 1934 angeordnet (Bl. 21 d. A.).

Ich beantrage,

Hauptverhandlung gegen den Beschuldigten vor dem Sondergericht und Haftfortdauer zu beschließen.

                        Schuricht